Windows 10: Feuchter Albtraum (oder: Wie Microsoft mich dazu brachte, nach über 10 Jahren Linux eine neue Chance zu geben)

Microsoft Windows 10

Mein Fazit nach etwas über einem Jahr mit Windows 10.

Ich bin ja einer der ersten in meinem Freundeskreis gewesen, der auf Windows 10 umgestiegen ist. Bei sowas bin ich irgendwie immer Vorne mit dabei. Ich vermute mal, dass das an meiner Neugier liegt. Ich jedoch bin immer noch froh darüber, diesen Schritt gegangen zu sein, bereue es zugleich aber zutiefst.

Windows 10, das aktuelle Betriebssystem von Microsoft. Wobei wir ja genau genommen mit dem Anniversary Update schon die dritte Variante von Windows 10 binnen eines Jahres bekommen haben. Was jedoch nachvollziehbar ist. Windows 10 ist ja kein klassisches Betriebssystem mehr, sondern ist eher wie die Rolling Releases bei Linux oder folgt dem Ansatz Operating-System-as-a-Service. Das klappt super.

Windows 10 ist außerdem endlich mal ein frisches Betriebssystem, das fix ist, sehr angenehm zu bedienen und für das man keinen Touchscreen mehr benötigt (was m. M. n. bei Windows 8 / 8.1 ja definitiv der Fall war). Wäre Windows doch bloß nicht von Microsoft…

Windows 10 sammelt jede Menge Daten und sendet diese an Server von Microsoft. Seien es Standortdaten, WLAN-Passwörter oder sogar dein Bitlocker-Schlüssel, den du ja zur Chiffrierung deiner Daten benutzt. Wer freiwillig intesiv Windows 10 benutzt, hat sein Recht verwirkt, sich über Datenkraken wie Facebook, Whatsapp oder Pokémon Go zu echauffieren: Der Quasistandard der Betriebssysteme ist viel schlimmer. Und macht nicht mal einen großen Hehl daraus. Selbst die EFF kritisiert mittlerweile lautstark die eklatante Datenschutzignoranz der Branchengröße.

Microsoft verkauft uns die Universal Windows Platform als tolle Neuerung, eine Öffnung der Xbox hin zum PC. In Wirklichkeit ist jedoch genau das Gegenteil der Fall: Microsoft versucht mit UWP eine Unabhängigkeit von Drittanbietern wie Steam durchzusetzen, indem aktuell massiv auf den Windows Store verwiesen wird. In Wirklichkeit führt das jedoch zu einem Walled Garden, anstatt zu einer offenen Plattform, wie Microsoft sie propagiert. Dieser Meinung bin nicht nur ich, sondern unter anderem auch Tim Sweeney, seines Zeichens Gründer von Epic Games. Immerhin sind auch noch andere Initiativen wie etwa Vulkan dabei, die Abhängigkeit der Spieleindustrie von Microsoft aufzuweichen. Hoffen wir, dass sie erfolgreich sind. Der Performancegewinn von DOOM seit dem Patch, der die Engine auf die Nutzung von Vulkan umgestellt hat, spricht Bände. Valve versucht auch mit SteamOS sich selbst von Microsoft zu lösen – seit der Ankündigung von Windows 10 steht Gabe Newell dem Ganzen schon extrem skeptisch gegenüber.

Es hat Monate gedauert, bis sich Microsoft dazu herabgelassen hat, uns mitzuteilen, was für Patches überhaupt eingespielt werden. Mit dem Release von Windows 10 hat Microsoft seine Informationspolitik zu Systempatches drastisch geändert. Konnte man früher immerhin noch in der Knowledge Base einsehen, wozu ein Patch genau gut war, wurde dies ab sofort einfach verschwiegen. Noch dazu kann ein regulärer Nutzer von Windows 10 meistens nicht verhindern, dass Updates geladen und installiert werden, außer er hat die Pro-Variante oder stellt seine WLAN-Verbindung auf getaktet um, um so zu verhindern, dass die Updates aus dem Internet bezogen werden. Zugegeben, im Februar diesen Jahres hat Microsoft zurückgerudert. Dennoch haben sie mein Vertrauen verspielt – ich möchte schlichtweg keine Software mehr Nutzen, der ich nicht trauen kann.

Also habe ich mich nach ersten Gehversuchen vor über 10 Jahren mit einem Gentoo mal wieder dazu entschlossen, ein Linux auszuprobieren. Nach Empfehlung eines Arbeitskollegen habe ich mich für die Distribution Linux Mint entschlossen. Und, was soll ich sagen? Ich bin bisher absolut zufrieden und vermisse fast nichts. Anfangs hatte ich Linux auf meiner neuen SSHD installiert, Windows 10 war weiterhin auf der SSD. Ich merkte jedoch schnell, dass diese Konstellation nicht sinnvoll für mich ist. Also habe ich zum Release der Beta von Mint 18 massiv Daten durch die Gegend geschaufelt und gelöscht, meinen Rechner platt gemacht, Windows auf die SSHD installiert, Linux auf meiner SSD und bin absolut zufrieden. Ich nutze Windows sowieso nur für die eine oder andere Partie Rocket League, alles andere erledige ich unter Linux. Und selbst zum Spielen nutze ich beinahe nur noch Linux.

Linux Mint 18
Der Desktop von Linux Mint 18.

Ich besitze in Steam insgesamt 242 Spiele. Davon sind exakt 124 auf Linux lauffähig. Das macht eine Quote von sage und schreibe 51,2%. Leider musste ich auch schon die Erfahrung machen, dass „lauffähig“ nicht heißt, dass es läuft. The Banner Saga 1 macht zum Beispiel Probleme, wenn ich nicht den Beta-Patch für Linux installiere, Shadow Warrior bringt sogar meinen ganzen PC zum Absturz. Insgesamt laufen die Sachen jedoch überraschend gut und reibungslos. Ich habe mir letztens auch bei GOG zum Beispiel Oxenfree und Transistor geholt. Außerdem muss ich zugeben, dass die doch recht hohe Quote auch an meinen Interessen liegt: Mein Steam ist hauptsächlich von Indie Games bevölkert, die großen Mainstreamtitel sind zwar auch vorhanden, jedoch in deutlicher Unterzahl.

Mittlerweile ist für mich der Linux-Support auch ein Kaufkriterium. Das letzte Spiel, das ich mir gekauft habe, obwohl es (bisher) keine Linux-Unterstützung bietet, ist Rocket League. Da ist ein Port zwar schon lange angekündigt, aber da Valve dort unterstützend aushilft, schiebe ich die lange Wartezeit auf diesem mal auf die berüchtigte Valve Time. Ich habe mir zum Beispiel bisher nicht das Remaster von Day of the Tentacle gekauft, obwohl ich es gerne besitzen und spielen würde, weil die Linuxversion erst kürzlich erschienen ist. Für mich fühlt es sich einfach nicht mehr gut an, wenn ich Windows starte. Ich habe danach auch immer das Gefühl, eine Dusche vertragen zu können. Seltsam, ich weiß, aber ich ticke halt so. Und dank Microsofts Produktpolitik ticke ich seit über einem Jahr wieder auf Linux. Das fühlt sich gut an. Und ich vermisse nichts.

Ich könnte euch jetzt allen vorschwärmen, wieviel komfortabler Linux doch mittlerweile geworden ist. Aber das interessiert euch wohl entweder nicht, oder ihr wisst es selbst bereits. Ich habe hier zumindest ein Betriebssystem, dem ich mehr Vertrauen schenken kann. Wenn etwas nicht passt, kann ich jederzeit selber etwas an den Stellschrauben ändern, ich habe die Kontrolle über meinen eigenen Computer – dies gönnt mir Microsoft spätestens seit Windows 10 überhaupt nicht mehr.

Foto von marc falardeau
Screenshot von DistroScreens

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